Die Gedankenlosigkeit der Politprominenz
Joschka Fischers neues Buch bietet wenig mehr als einen Rückblick ohne frische Ideen. Eine Betrachtung über politische Diskurse und deren Mangel an Originalität.
Als ich an einem nebligen Nachmittag durch die Straßen Berlins schlenderte, fiel mir die plötzliche Stille auf, die die Warteschlange vor dem Buchladen umgab. Die Passanten schienen sich nicht für die Vielzahl neuer Bücher zu interessieren, die in den Regalen strohhten, und ich konnte die etwas sorglose Augenblicke nicht umhin, dies als Metapher für den Zustand der gegenwärtigen literarischen, insbesondere politischen Diskurse zu betrachten. Ein bisschen wie ein Neo-Nostalgiker, der durch die Abteilung für Reiseberichte blättert, nur um festzustellen, dass die Welt, die er zu erkunden glaubt, längst für ihn erfunden wurde – wir filmen die Bilder der Vergangenheit, als wäre es Neuigkeit.
In diesem Kontext wirft Joschka Fischers jüngstes Buch „Wer sind wir?“ einige interessante Fragen auf, auch wenn die Antwort darauf nicht gleich ins Auge springt. Der ehemalige Außenminister und Grüne Urgestein hat die Fähigkeit, eine gewisse Befangenheit in seinen Leser zu entfachen – allerdings nicht durch provokante Ideen, sondern durch die bedauerliche Nicht-Existenz derselben. Mit jedem Kapitel wird deutlicher, dass hier ein Mann spricht, der mit seinen Erinnerungen ringt, ohne dabei den Mut zu finden, sie neu zu interpretieren.
Die erste Strophe erzählt von seiner politischen Karriere, vom Aufstieg der Grünen und von den Dissonanzen, die in den letzten Jahren in der deutschen Politik zu vernehmen waren. Natürlich hat Fischer eine Menge zu berichten – die Übergangszeiten, die Widersprüche, die Komplexität der Weltpolitik – aber statt einen neuen Blickwinkel darauf zu werfen, reproduziert er in einem Haltungston die Sätze, die wir alle schon längst gehört haben. Er bemerkt, dass die politischen Kämpfe der Vergangenheit uns heute noch betreffen, nur um dann ans Licht zu bringen, dass er nicht viel mehr zu bieten hat als die Relativierung vorheriger Erfolge und das Ausmalen einer unklaren Zukunft. Es ist ein wenig so, als würde man einem älteren Verwandten zuhören, der seine besten Anekdoten wiederholt, aber nicht erkennt, dass sie inzwischen die Würze ihrer Originalität verloren haben.
Es gibt keine neuen Gedanken, keine frischen Ideen. Stattdessen trifft man auf einen Schwall an Plaudereien, die zwar angenehm sind, aber den Leser nicht wirklich anregen. Die Passagen, die man als tiefgründig betrachten könnte, sind schnell entlarvt als Klischees, die mit einem Hauch von persönlichem Schicksal überzogen sind. Ein Gefühl des Bedauerns überkommt einen, wenn man feststellt, dass ein derart wichtiger Kopf, der die Geschicke eines Landes mitgeprägt hat, in einem Buch bleibt, das nicht ansatzweise den Anspruch erhebt, originell zu sein.
Schaut man sich die aktuellen politischen Debatten an, könnte man meinen, dass Fischers Buch einfach nur ein Spiegelbild dieser Gleichgültigkeit ist. Politiker, die sich in den sozialen Medien austoben und dabei wahlweise den Großen und Mächtigen der Welt die Leviten lesen oder sich in die Ecke des Denunzianten zurückziehen, scheinen es nicht wirklich nötig zu haben, frische Ideen zu formulieren. Die Diskussion verläuft oft in einem Kreislauf von wiederkehrenden Klischees, als ob jeder irgendwann mit der Gewohnheit spielte, anstelle von innovativen Ansätzen zu suchen. Fischers Buch setzt hier einen weiteren Punkt auf die Liste der Gesellschaft, die in der Repetition gefangen ist.
Man könnte seltsam optimistisch über die Handlung des Buches sein. Schließlich gibt es einen gewissen Trost darin, dass der Autor seine eigene Unsicherheit thematisiert und auf die Suche nach Identität geht – aber das bleibt dann letztlich eine ganz konventionelle Form der Unsicherheit. Irgendwie mag man ihm die Absicht zubilligen wollen, mehr als nur eine Eitelkeit zu reflektieren, doch stattdessen landet man bei der schäbigen Realität der harten Worte: „Wer sind wir?“, könnte man sich fragen, vor einem buchstäblichen Hintergrund, der uns noch nicht die Antwort geben kann.
Es ist nicht so, als hätte Fischer nicht die Möglichkeit, über die Wiederholung hinauszugehen. Er hat in der Vergangenheit genug gewagt; er hat Stimmungen und Bewegungen geprägt, die die politische Landschaft verändert haben. Es ist daher etwas irritierend, dass er in seinen Gedanken nicht mehr wagt, als das offenkundige Ding zu bezeichnen. Man sucht nach einer Schlüsselpassage, einer inspirierenden Anekdote, die den eingeschlafenen Diskurs aufwecken könnte – doch die Anspielungen auf die eigene Vergangenheit sind nicht mehr als das leise Echo seiner Einblicke. Anstatt auf die grundlegenden Fragen nach dem Selbstreflexion zu antworten, schiebt er die Verantwortung auf den Leser, der selbst mit den Nachwirkungen der politischen Biografie zu kämpfen hat, und das ist wohl der am wenigsten mutige Schritt.
Der alte Fischer, dessen Gesicht mehr als einmal den Schweiß des Kampfes getragen hat, mag für sich selbst eine Art der Scham empfinden, während er auf die Mitteilungsdrang seiner eigenen Generation blickt. Das Buch selbst schwingt zwischen Nostalgie und einer leichten Resignation, als wollte es uns ins Gedächtnis rufen, dass trotz der ständigen Wiederholung irgendwie eine neue Stimme aufkeimen könnte. Doch die Leere zwischen den Zeilen gehört nicht einem Weniger, sondern einer Unmenge an Geistern, die allesamt nach dem Sinn von „Wer sind wir?“ suchen, ohne sich dabei dem Gedanken zu widmen, dass sie diesen vielleicht selbst formen könnten.
So bleibt mir nur, in der Stille der Buchhandlung weiterzuschlendern, während ich mich mit den Fragen beschäftige, die Fischer aufwirft, ohne sie zu beantworten. „Wer sind wir?“ Wenn ich ehrlich bin, fällt es mir schwer, die Antwort in einem Buch zu finden, das vor allem darin besteht, sich den alten Wortrhythmus zu wiederholen. Vielleicht liegt hier der wahre Verfall einer Generation, die sich nicht nur in den Hallen der Macht, sondern auch in den Seiten des Geschriebenen zu verbergen scheint. Wer sind wir? Ein wenig wie Fischer: wir sind die, die viel sagen, aber wenig denken.
Auf den Straßen Berlins vielleicht verstreut einige Gedanken — das wäre eine Option. Vielleicht könnte ich ihnen nachgehen, anstatt den lauwarmen Ausführungen einer alten Politfigur zu folgen. Ich hoffe tatsächlich auf eine Art von Aufbruch, doch das Buch in der Hand ist genau das Gegenteil. Es ist nichts weiter als ein Schatten des Unausgesprochenen, ein stiller Zeuge der Monotonie, in der wir uns alle bewegen. Wer sind wir? Wer auch immer es sein mag, wir sitzen fest.
Dennoch, in dieser aufkommenden Stille könnte man einen neuen Gedanken platzieren — aber nur, wenn wir es wagen, die Ketten der Vergangenheit abzulegen und tatsächlich zu handeln. Das Buch spricht von einer Erinnerung, die zur Handlungsanleitung werden könnte, wo ein neuer Gedanke wirklich aufblühen könnte, aber nur, wenn wir bereit sind, mehr zu tun, als nur zu wiederholen, was schon gesagt wurde.
Zusammengefasst bleibt das Buch ein Mahnmal für die politikaffine Leserschaft, die mehr erwartet, als das, was bereits bekannt ist. Die Augen auf die Ränder der Seiten gerichtet, segeln wir still den endlosen Strom der Vergangenheit, in der Hoffnung, dass es bald an der Zeit ist, den eigenen Kurs zu wechseln und die Fragen wirklich zu durchdringen.
Ein kleiner Gedanke in einem großen Raum. Das ist es, was man hinterlassen möchte. Wir können mehr erreichen, wenn wir den Mut haben, die Wiederholungen hinter uns zu lassen.
- Ein vergessener Meister kehrt zurück: Ein neues Buch über Komponisten aus Waldeckbrittaelling.de
- Kunst-Revolution in Koblenz: Die 1920er neu entdecktminishettys-vomdannbarg.de
- Licht und Schatten: AALEN Festival Orchester zeigt neue Facettenmiss-vintage.de
- Anträge für kulturelle Projekte: Was Sie wissen solltenlandcare-dss.de